Achim Kraul
"Die ideengeschichtliche Bedeutung von
Wertorientierungen im
Psychotherapie-Schulenvergleich"
*

Darstellung & Assoziationen:

semantischer kringel ?

Dipl.-Psych. Rudolf Süsske

Einleitung:

Der gegenwärtige Streit um die 'richtige' Psychotherapie ist durch eine besondere affektive Aufladung gekennzeichnet. Diese gründet - so die These von Kraul - u.a. in differenten, zumeist impliziten Werthaltungen der einzelnen Therapieschulen. Als Interpretationsfolie nutzt er die ideengeschichlichen Untersuchungen des amerikanischen Sozialphilosophen Charles Taylor zur "Entstehung der neuzeitlichen Identität" (dt.Die Quellen des Selbst, Fft.1997).

"Konfliktfelder moderner Identität" (32)

In einer formalen Anzeige geht es Taylot um den Zusammenhang zwischen den Werthaltungen in der Neuzeit und verschiedenen Konzeptionen des Selbst. Die 'Quellen' einzelner Werthaltungen können dabei aus historisch unterschiedlichen 'Schichten' stammen. Die Konzeption des 'Selbst' bestimmt Taylor nicht ontologisch, dh. in der Bestimmung einer naturalen und/oder mentalen Substanz (res), sondern er greift das alltagspragmatische "Gefühl der Innerlichkeit im Sinne von Selbstbild oder Selbstverständnis" (ebd.) auf.

"Das Selbst"

Im Folgenden paraphrasiere ich die Darstellung Krauls, verzichte aber auf die Überprüfung seiner Thesen am Taylor'schen Original (900 S. !!!).
"Die Suche nach einer außerhalb des Menschen gelegenen Bedeutungsquelle machte keinen Sinn mehr, nachdem es in der Neuzeit zu einer radikalen Trennung zwischen einem inneren Bereich des Denkens" / "Bewußtseins und einem äußeren Bereich der Materie kam" (ebd.). Die modernen Vorstellungen vom Selbst - wie sie sich in den Psychotherapiekonzeptionen fortschreiben - entwickeln sich aus diesen zwei vor-modernen Interpretationsmustern:

a) Der Mensch - als Selbst - ist in keiner Weise von anderen Objekten unterschieden, unterliegt den Gesetzen der Kausalität und Mechanik und kann wie andere Naturgegenstände beobachtet, gemessen und objektiv konzeptualisiert werden.
b) Entgegen dieser Vorstellung betont die zweite Interpretation die radikale Unterschiedenheit von menschlichem Bewußtsein und Phänomenen der Natur. Es gibt eine "subjektive innere Welt, die unabhängig ist und frei, sich selbst zu bestimmen" (33)

In der Moderne entwickeln sich aus dieser Dichotomie drei Konzeptionen des Selbst:

1. Der Monismus eines materialistisch-objektivistischen Selbstentwurfes hielt sich - bei allen Differenzierungen - in einer Linie von Hobbes bis z.B. Dennett und Churchland durch.

Die beiden anderen Linien verstehen sich als Gegenbewegungen zu diesem "homogenisierenden Materialismus und Objektivismus".

2. Die Sichtweise der Autonomie "konzeptualisiert den Menschen als potentiell sich selbst bestimmendes freies Subjekt, fundamental unabhängig von allen Formen natürlicher Kausalität" (ebd.).
3. Die expressive Konzeption gründet in der Kritik der Romantik am mechanischen 'Räderwerk' der Aufklärung. "Im Vordergrund steht das Ziel, sämtliche Formen der Trennung, z.B. zur sozialen und/oder natürlichen Welt aufzuheben" (ebd.), weil diese für das Existenzgefühl der Entfremdung und Sterilität verantwortlich seien.

"Modellkritik"

Mit diesen drei Interpretationsmustern befragt Kraul nun die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie, die Humanistische Psychotherapie und die Systemische Therapie auf ihre untergründigen werthaltigen Selbstkonzeptionen. Dabei stellt er die Schulen sehr typologisch vor.

1. Psychoanalyse:

Die Psychoanalyse zeichnet sich durch eine besondere Nähe zur Romantik aus. Diese jedoch in einer umgestalteten Form. 'Die Güte der Natur' und die Annahme einer spirituellen Wirklichkeit 'hinter den Dingen' (ihre Nachtseite z.B. noch beim Psychophysiologen Fechner) wich einer realistischen und skeptischeren Sichtweise. "Damit einher geht eine Bejahung der ungezügelten Natur und elementaren Begierde, die vom Ballast eines spirituellen Aufstiegs befreit ist" (34).

Für die Psychoanalyse bedeutsam ist die Konzeption des Willlens bei Schopenhauer. Der "ist keine spirituelle Quelle des Guten, sondern wildes, blindes und unkontrolliertes Streben um seiner selbst Willen". Die Natur stellt ein großes, a-moralisches Kraftreservoir dar, mit dem wir inniglich verknüpft sind, das wir zur eigenen Expressivität 'anzapfen' können, welches aber - bezogen auf die moralisch- / wertbezogenen Verkehrsformen der Menschen untereinander - keinen sinn-vollen Anhalt bietet.

"In dieser Perspektive erscheint die Psychoanalyse als Versuch, angesichts der wilden, amoralischen und unbewußten inneren Tiefen die Würde des Subjekts im Sinne von Beherrschung und Selbstkontrolle wiederzugewinnen" (ebd.)
Aus diesem Zitat wird ebenfalls deutlich, daß hier nicht nur die o.g. Romantik, sondern gerade auch die aufklärerische Idee der Vernunft hineinspielt. Eine Vernunft, die wissenschaftlich erkenntnisleitend das natürliche und moralische Leben annähernd autonom bestimmt. Sucht man die ideengeschichtliche Verortung der psychischen Instanzen von ES und ICH, so sind sie hier zu finden.

Die Werthaltungen der Psychoanalyse (Zitat Kraul: 34f):

  • "Im Sinne einer Umwandlung und Weiterentwicklung romantischer Ideen ist die Psychoanalyse eine Bwegung gegen den instrumentell-zweckrationalen Naturalismus.
  • Die Bedeutung innerer Tiefen als eine Psychologie des ES ist ein konstitutives Merkmal und direkt gerichtet gegen eine entfremdete, eindimensionale" (...) mechanisch reduzierte "Selbstkonzeption.
  • Das In-Verbindung-Treten mit einer machtvollen, ungezügelt wilden und nie erschöpfend auslotbaren inneren Quelle sowie parallel dazu deren mögliche Kontrolle und Beherrschung wird als sinngebend erlebt. (...)
  • Selbsterkundung ist ein Wert an sich und wird in gewisser Wieise kontradiktorisch zum utilitaristischen* Prinzip des Nutzens erlebt ('Unendliche Analyse')". *Utilitarismus = Ethik, die in Nützlichkeitserwägungen gründet. Gut ist das, worauf sich Vertragspartner zum gegenseitigen Nutzen (vertraglich) einigen.(s.u.)
  • "Der Umgang mit dieser inneren Quelle wird unterschiedlich bewertet: von einer eher romantischen Metapher der Befreiung des unterdrückten eigentlich Guten" (z.B. Herbert Marcuse) "bis hin zur ausgeprägten Betonung einer Notwendigkeit von Beherrschung und Kontrolle (...)
  • In einem Spannungsverhältnis zu den spätromantischen Idealen entsteht z.B. als Betonung der 'ICH-Psychologie' ein in der Tradition der naturalistischen Aufklärung stehendes Ideal der autonomen Vernunft." Es stehen sich gegenüber: Ideal der 'Vertiefung', Selbsterkundung und das der Selbstkontrolle. "Psychoanalyse als Kunst oder als Wissenschaft".

2.Die Verhaltenstherapie:

Mit dem - so sei angemerkt (R.S.) - unumkehrbaren Verlust der theo-kosmologischen Ordnung trat eine 'Entzauberung der Welt' (M.Weber) ein.

R.S.:Es gibt keine platonischen Ideen, keine 'Weltseele', keine verschiedenen Wirklichkeitssphären mehr, keinen, die Welt durchwaltenden Logos (Vernunft), an dem der Mensch teil hat (methexis). Angesichts neuer empirische Erfahrung, die sich mit der mittelalterlichen, an autoritative Texte (z.B. Aristoteles) gebundenen Erkenntnis nicht mehr vereinbaren ließ und angesichts religiös motivierter (Bürger)-Kriege gerieten die vorherigen Ordnungen ins Wanken.

Hier setzt die cartesianische Zweifelsbetrachtung ein, der alle Welterfahrung ungewiß wird und an deren Ende das 'ego cogito', das 'Ich denke' steht. Vor diesem muß sich alle Erkenntnis methodisch gesichert ausweisen. Die Natur wird als res extensa, ausgedehnte Substanz konzeptualisiert.
Kraul schreibt: "Eine Repräsentation der Welt muß konstruiert werden, sie ist nicht mehr als etwas Vorgegebenes auffindbar.(...) Zu radikaler Ausprägung gelangt das Modell der Neutralisierung und Verdinglichung bei Locke (1632-1704), der das Selbst allein durch das Vermögen charakterisiert, Dinge als Objekte zu fixieren" (35). Hier liegt aber auch befreiende Sprengkraft: objektive, kontrollierte Erkenntnis unabhängig von aller Autorität setzt Freiheit, Rationalität und Verantwortlichkeit voraus. Damit einher geht ein Schwinden normativer Ordnungen. Vernünftig ist das, was nützlich ist, das worauf sich freie, verantwortliche Subjekte vertraglich einigen.

Aus diesen sehr schematischen Andeutungen wird aber sicherlich die Spannung deutlich: Als Erkenntnis- und selbständiges bürgerliches Vertragssubjekt gilt der Mensch autonom und frei; als natürliches Objekt ist er gänzlich in einem materialistisch-deterministischen, methodisch gesicherten Natur-Entwurf verortet.
Kraul sieht hier eine interessante Parallele in der Verhaltenstherapie. Für diese sei bedeutsam,"daß neben einer radikal naturalistischen Haltung zunehmend auch die Autonomie betonende Konzepte aufgenommen und integriert wurden" (= kognitive Wende). Es liegen ja Welten zwischen dem Skinner'schen black box Modell, dh. dem methodischen Ausschluß jeglicher subjektiv- interpretativen Sphäre und jüngeren Selfmanagementtheorien. Die kognitiven Elemente sind aber - und das ist wesentlich - wie physikalisch-physiologische Abläufe naturalistisch konzipiert, dh. unterliegen der Forderung nach naturwissenschaftklicher Objektivier- und Meßbarkeit.

Die Werte dieses Naturalismus können nach Kraul bestimmt werden "als die Möglichkeit von neutraler Kontrolle und Effektivität. Die innere Haltung besteht in der Fähigkeit, die Dinge unverklärt zu sehen (...) und dabei eine Freiheit zu erringen, die Welt zu beherrschen und für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen" (35).

R.S.: Instrumentelle Objekt- und zweckrationale Selbstmanipulation folgen der gleichen Logik. Darin liegt natürlich ein Moment der 'List' (ich entscheide, mich wie ein Objekt zu betrachten und zu 'bearbeiten') welches sich aus dem Naturalismus selbst heraus kaum erklären läßt.

Die Wertvorstellungen in der Verhaltenstherapie (35):

  • "Im Vordergrund steht der Wert des Nutzens und der Effektivität.
  • Die innere Haltung offenbart so etwas wie einen aufgeklärten Mut, den Dingen" nüchtern "ins Auge blicken zu können.
  • Es kommt zur Betonung des Handeln, der technischen Veränderbarkeit.
  • In Verbindung mit autonomen Selbstkonzepten wird der Wert der Freiheit bedeutsam, dh. ein innerer Bereich wird eröffnet, der neben kausal-mechanischen Abläufen eine steuernd-kontrollierende eigenständige Funktion erhält.
    (R.S.: Bei Heinz Kohut und einigen seiner Nachfolger gibt es jedoch Passagen, die sich sehr harmonisierend-romantisch lesen lassen.)
  • Handlungleitend ist ein allgemeines Wohlwollen, die Betonung des 'gewöhnlichen Lebens' und als Zielmarkierung das Vermeiden von Schmerz und Unlust."

3. Die Humanistische Psychotherapie

Diese Richtung mit ihren vielfältigen Spielarten gehört - nach der Taylor'schen Untersuchung zum Bereich der expressiven Konzepte mit besonderer Nähe zur Romantik. Die Natur wird als 'gute Quelle' vermeint, zu der wir qua 'innerer Stimme', innerer Regungen einen Zugang haben. Nur in der schöpferischen Artikulation des Inneren gelangt man zu vollständigen Erkenntnis dieser Natur.
R.S.:Die Artikulationweisen sind dabei manchesmal mit einem Generalverdacht gegen die Sprache und das Sprechen behaftet.

Mechanischen Assoziationsmodellen werden organische Wachstumsmodelle entgegengestellt. Konflikte gelten nicht als notwendig, sondern sind lediglich Desintegrationsprodukte. Leitend ist die Vorstellung von Versöhnung und Harmonie, die Aufhebung von Trennungen / Spaltungen, z.B. zwischen Verstand und Gefühl, aber auch zwischen Ich und Anderen (Gemeinschaft statt Gesellschaft) bis hin zu der von Innen und Außen (insbesondere bei esoterisch beeinflußten Konzepten). Hinzu tritt ein Ideal unabschließbaren (inneren) Wachstums.
Humanistische Psychotherapie und Psychoanalyse gründen gleichermaßen in der Romantik, aber unterscheiden sich wesentlich in der Konzeptualisierung der 'Quelle': Natur als harmonischer Sinn-garant oder a-moralisches, wildes Kraftreservoir.

Die Werthaltungen der Humanistischen Psychotherapie (35f)

  • "Dem organismischen Wachstumsmodell entsprechend ist das Erkennen und expressive Verwirklichen innerer Kräfte und Potentiale das wichtigste Ziel.
  • Trennungen zwischen Verstand und Gefühl sowie zwischen dem selbst und den anderen sollen im Rahmen eines freien und heilsamen Prozesses überwunden werden.
  • Ziel ist die Befreiung unserer schöpferischen Kräfte, die vor dem Hintergrund" unserer "betont materialistisch-instrumentell orientierten Gesellschaft behindert und blockiert werden.
  • Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung sind anzustrebende Ziele der menschlichen Existenz und vermitteln Sinn gerade in der Kontaktaufnahme mit einer inneren Tiefe, die ganz im Sinne romantischer Metaphern als ursprünglich gut angesehen wird.

4. Die Systemische Therapie (36)

Unter diesem Titel firmiert die jüngste, der von Kraul typologisch betrachteten Therapieschulen. Sie soll auch für einen paradigmatischen Wechsel von der Moderne zur sog. Postmoderne stehen, die am ehesten sich noch von expressiven konzepten - i.S. Taylors - herschreiben läßt.

Schon bei der sicht auf die Psychoanalyse sahen wir, daß sich eine romantische Inanspruchnahme der 'Natur' als Quelle der Güte / des Sinns nicht aufrechterhalten ließ. Bei einer durch und durch rationalisierten Welt, deren Gesetze nur Nützlichkeiterwägungen gehorcht - was bleibt? Die Innerlichkeit, eine Sphäre autonomer und/oder expressiver Subjektivität, die nun aber - postmodern - selbst in Frage steht. Die Vorstellung eines einheitlichen Selbst, die Konzeption von Identität beschreiben keine Realität, sondern Imaginationen (z.B. bei Lacan) bzw. sind Zurichtungen einer fragmentierten, zügellosen Subjektivität.

Kraul schreibt: "Nach Ablehnung der mit den autonomen und expressivistischen Modellen einhergehenden Werte bleibt hier das sozusagen 'tiefste Gut' der Neuzeit allein übrig: Die Betonung der (...) reinen Freiheit und Macht des Selbst" (ebd.).
In methodischer Hinsicht verweist der Autor auf den literaturwissenschaftlich-philosophischen Begriff der Dekonstruktion: Autor und Text werden entkoppelt (der Tod bzw. das Verschwinden des Autors hinter dem Text; Blanchot, Foucault). Hierarchische Gliederungen werden gleich-gültig; die Trennung von Fiktionalität und Dokumentation löst sich auf (Ablehnung jeder Referenzsemantik, dh. Worte verweisen auf Worte, nicht auf Realitäten ; Saussure bis Derrida s.u. )

"Mehr oder weniger radikaler Konstruktivismus und das Projekt der Dekonstruktion sind ein wichtiges Merkmal der systemischen Therapie. Aufgrund des beschriebenen Mangels positiver Werte kommt es zu sehr unterschiedlichen 'Auffüllungen': einerseits kann eine Nähe zum Wert der Selbstkontrolle und autonomen Selbststeuerung, andererseits auch zu expressiven Werten gesucht werden" (36).

Die Werthaltungen in der systemischen Therapie (ebd.)

  • "Ein Gefühl der Freiheit und Befreiung, z.B. von den konstruierten Verklärungen der großen neuzeitlichen 'Erzählungen'" (Liberalismus, wissenschaftlicher Fortschritt, Sozialismus, Autonomie).
  • "Die dekonstruktive Loslösung von einengenden 'wahren Modellen' macht die Sicht frei für neue Handlungsmöglichkeiten, die nur durch die" Potentiale "der schöpferischen und kreativen Subjektivität begrenzt sind.
  • In Verbindung mit autonomen Selbstkonzepten führt systemisches Denken zu einer Zunahme von Freiheit i.S. von Selbstkontrolle und Selbststeuerung.
  • In Verbindung mit expressiven Modellen wird vor allem eine Zunahme von Macht in Handlungskompetenz begrüßt, ohne die Werte von Selbsterkundung und Selbstverwirklichung aufgeben zu müssen". Es "paßt darüber hinaus zu dem Wunsch nach Überwindung von Spaltungen und Trennungen und der Suche nach Zusammenhang und Zugehörigkeit.
  • In Verbindung mit einer instrumentell-utilitaristischen Haltung wird vor allem Effektivität und technische Machbarkeit stark bewertet.

Brainstorming zum Thema:

Die Re-konstruktionen der Freud'schen Theorie und Praxis entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten immer gemäß der philosophischen Theorie, die gerade 'in Mode' war bzw. ist. Immer gab es einen sinnvollen Anhalt im voluminösen Textgebirge des 'Meisters': Traumdeutung - Freud ein Hermeneutiker? Metapsychologie - Strukturalismus oder Neuroscience? Ist das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert? (Laplanche/Pontalis) etc.
Aus der Tradition waren es auch die verschiedensten Strömungen, deren Einfluß behauptet wurde: Mit Bezug auf Kant war die Psychoanalyse eine verkappte Transzendentalphilosophie (expressis verbis in der Ich-Psychologie eines Hartmanns und Rappaports). Doch auf dieser Interpretationsfolie gibt es kaum eine Differenz z.B. zwischen Freud und Piaget.

Die Bewegung vom wirklichkeitskonstituierenden Primat der Vernunft (Kant) zu dem des Willens (Schopenhauer) hat sicherlich eine hohe Evidenz, gerade für die skeptischen Passagen Freuds z.B. das Ich sei nicht Herr im eigenen Hause, die kultur-schaffende Notwendigkeit von Verdrängung und Sublimation. Kraul geht aber in keiner Weise auf die impliziten Werthaltungen im psychoanalytisch-therapeutischen Prozeß ein. Ist es die Archäologie eines dynamischen, aber gänzlich intrapsychischen Vorganges oder ist es ein interpersonelles Geschehen ('one-' oder 'two-body-psychology'; Balint). Das therapeutische Werkzeug ist ja nicht eine bestimmte Konzeption vom Selbst (qua Wissen), sondern der Einsatz der eigenen Subjektivität z.B. in der Übertragung und Gegenübertragung, Widerstansanalyse etc.

Hier liegen sicherlich auch wesentliche Differenzen zur kognitiven Verhaltenstherapie, wobei - mit bezug auf die konkrete Praxis - sich auch wieder hinter dem Rücken konzeptueller Grabenkämpfe Gemeinsamkeiten auftreten. Das fängt schon bei der nur noch graduellen Unterscheidung zwischen Psychoanalyse und psychoanalytischer Psychotherapie an, es gibt keine Therapie ohne supportive Elemente (z.B. Wallerstein). Und wo liegt - faktisch - der kategoriale Unterschied zwischen einer interventionsfreudigen Fokaltherapie und einer kognitiv-emotiven Umstrukturierung bei einem 'tragenden' Verhaltenstherapeuten.

Was Kraul mit den Werten der Selbsterkundung und Selbstverwirklichung anspricht, kann auch mehrerlei bedeuten und sich in allen vorgestellten Therapieformen finden. Es kann die Erfahrung der eigenen Wirkmächtigkeit sein (eine zur Selbstkonstitution wesentliche Erfahrung, wie sie auch die jüngere Säuglingsforschung darlegt) oder die Einsicht in die Mechanismen des eigenen Verhaltens und Erlebens.

Hier liegt vielleicht eine wichtige Differenzierung: um effektiv zu sein, benötige ich nur die Selbstverständigung, die zur Handlungs- und Erlebensänderung notwendig ist. Die Systemiker würden sagen, es sind WIE-Fragen. Wie kann ich mich beeinflussen, um meine Angst wegzubekommen? Wie waren die Mechanismen und Situationen beschaffen, die dieses Gefühl und Verhalten hervorriefen? Wie beeinflusse ich ein Familiensystem, daß das symptomatische Verhalten eines ihrer Mitglieder verschwindet? WARUM-Fragen seien obsolet, weil sie einem überholten einliniges Kausalitätsverständnis entstammen. Aber vielleicht geht es bei den Warum-Fragen gar nicht um Kausalität i.S. eines psychischen Determinismus, sondern um Fagen an den gesamten - bislang nichtbefragten, selbstverständlichen - Entwurf der eigenen Lebensgeschichte. Wäre der Begriff nicht schon so inflationär und vieldeutig gebraucht, könnte man von der Frage nach dem Sinn sprechen. In der Verhaltenstherapie verschwindet diese Frage hinter der Summierung von ... bzw. Focussierung auf Einzelprobleme. In der Systemischen Therapie - wie sie Kraul in ihrer postmodernen Variante vorstellt - wird Sinn oder Wert funktional begriffen. Dies gilt für die meisten Varianten der jüngeren Systemtheorie, seien sie an der poststrukturalistischen französischen Philosophie (Derrida, Lyotard, Deleuze) oder an neuronalen Hypertheorie der Autopoiesis (Maturana, Luhmann) orientiert Dh. 'eigentlich' ist der Entwurf eines kohärenten, sich in und durch seine Lebensgeschichte selbst verständigen Subjektes obsolet, eine Illusion, aber da wir solche Illusionen zum Leben benötigen, basteln wir ihn uns einfach selbst. Es stimmen die, die am besten das Überleben garantieren. Ein Gedanke, den Nietzsche schon vor hundert Jahren formuliert hat: "Der Gesichtspunkt des 'Werts' ist der Gesichtspunkt von ERHALTUNGS-, STEIGERUNGS-BEDINGUNGEN in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer (...) innerhalb des Werdens" (Wille zur Macht, Aph.715, Kröner-Ausgabe).

Hier gibt es auch eine untergründige Verbindung zwischen systemischen und humanistischen Konzepten: beide immunisieren sich mit einer Restsubjetivität, die fast nur noch aus reiner Spontaneität besteht, gegen das sinnlose, nihilistische Rasen ökonomiebestimmter und naturvernutzender gesellschaftlicher Verhältnisse. Die einen versuchen es mit einer Re-mythisierung dieser Vorgänge, die anderen mit einem listigen 'anything goes'.
Natürlich treffen diese Anmerkungn nicht unmittelbar jede therapeutische Praxis, aber kennzeichnen vielleicht den Hiatus zwischen Theorie und Praxis.

Die Passungen zwischen Klient und Therapeut (36ff)

In einem zweiten Teil fragt Kraul nach den Folgerungen aus seiner Typologie. Zum einen lassen sich damit Therapeut-Klient-Dissonanzen beschreiben. Zweckrational-instrumentell orientierte Managertypen werden z.B. mit 'dem Hören auf die innere Stimme' humanistischer Therapeuten ihre Schwierigkeiten haben. Weitere Konstellationen lassen sich denken und sollen hier nicht dargestellt werden. Es geht dem Autor aber nicht um eine ausschließlich 'nachfrage-orientierte' Passung zwischen Therapeut und Klient. Er fordert vielmehr eine flexible Einstellung, die sich in Kenntnis verschiedener therapeutischer Interventionsstrategien um einen Zugang zum und eine Bereicherung des Selbst-Konzeptes der Klienten bemüht. (R.S.:Hier bleiben die Ausführungen des Autors recht kurz und dunkel.)

Bewertungsmuster im Therapieschulenvergleich (37f)

Nach Kraul könnten die affektiv aufgeladenen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Therapieschulen in den beschriebenen unterschiedlichen Selbstkonzepten und Werthaltungen gründen.
"So können z.B. die Entwertungen humanistischer Therapiekonzepte durch andere 'Schulen' analog auf den Prozeß der Ablehnung romantischer Bilder und Werte im 19.Jh. bezogen werden. Die pessimistisch 'schopenhauerianisch' gefärbten Bilder des inneren im Rahmen der Psychoanalyse stellen beispielsweise eine Gegenposition dar, vor der aus die romantische Haltung als naiv und unhaltbar bewertet wird (...)

Die Entwertungsmuster zwischen der Verhaltenstherapie und humanistischen oder psychoanalytischen Wertorientierungen bestehen vor allem in Verweisen auf Irrationalität und vorwissenschaftlich-metaphysisches Spekulieren auf der einen Seite sowie auf 'Verflachung' bzw. zweckrationale Verkürzung der menschlichen Existenz auf der anderen" (37)
Aus der Perspektive einer radikal konstruktivistischen systemischen Therapie scheinen alle Konzepte überholt, die angesichts "einer weiter expandierenden instrumentell-zweckrationalen Welt" auf der 'Selbstbehauptung' einer einheitlichen autonomen und/oder expressivistischen Subjektivität beharren.
Der letzte Gedanke Krauls scheint mir sehr bedenkenswert: Er befragt die Möglichkeit der Entwicklung einer 'allgemeinen Psychotherapie' i.S. Grawes, sofern sie allein "unter dem Primat der Effektivität und (...) Nichtbeachtung anderer Werthaltungen" konzipiert ist. Eine solche Entwiclung würde "anti-utilitaristische, 'konfessionelle' Bewegungen" induzieren, die sich gegen jede Form von Psychotherapieforschung abschotten könnten, weil diese ja nur "Vollzugsorgan" einer kalten, zweckrationalen Welt sei.

R.S.: Ich denke für den 'freien Psychomarkt' stimmt diese Prognose bereits mit Teilen der Wirklichkeit überein. Doch nicht die Etablierung neuer 'Schulen' scheint mir problematisch, die Anregungen Krauls - bei aller Verkürzung und Schematisierung - stellen Fragen an das Selbstverständnis der TherapeutInnen selbst. Selbstentwürfe und Werthaltungen sind geschichtlich und zeigen sich gegenwärtig in Ungleichzeitigkeiten (z.B. in der berühmt-berüchtigten südoldenburgischen Sexualmoral). 'Geschichtlich' meint aber nicht relativistisches Einerlei oder der freien Willkür verfügbar.
Auch für das therapeutische Tun gilt der Satz Walter Benjamins: "Handeln läßt sich nur aus vorbehaltloser Bejahung heraus, Denken nicht."


* Achim Kraul - Die Wertorientierung. Die ideengeschichtliche Bedeutung von Wertorientierungen im Psychotherapie-Schulenvergleich, Psychotherapeut 1 / 98, 32-39

RS@suesske.de Kurzreferat im Rahmen der Weiterbildung in der Abt.
Psychotherapie/Psychosomatik -
Herbst '98
(Christl. Krankenhaus Quakenbrück)


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